Tempelhof-Schöneberg 8. Juni 2015

#1 von Thomas Rehork , 30.06.2015 16:18

Da ich hier von den Berichten anderer Prüflinge profitiert habe, möchte ich die Wahrnehmung meiner heutigen Prüfung nun auch veröffentlichen:
Heute um 10:30 Uhr wurde ich zur mündlichen HP Psychotherapie-Prüfung nach Tempelhof geladen. Ich war deutlich früher angekommen und habe nervös im Wartezimmer Platz genommen. Irgendwann trudelte meine Leidensgenossin ein, mit der ich gemeinsam geprüft werden sollte. Wir unterhielten uns nett und waren natürlich ein wenig ängstlich und aufgedreht, die Stimmung zwischen uns aber sehr gut. Etwas später holte uns Frau Thoben ab, stellte sich vor und schaffte mit ihrer angenehmen Art eine warme und angstfreie Atmosphäre.
Wir gingen gemeinsam ins Prüfungszimmer und nahmen Platz. Mit Schreibmaterial und Wasser wurden wir versorgt. Erst einmal wurden wir über das Vorgehen (Reihenfolge: Therapie und Verfahren allgemein, Fallbeispiel, ICD10 und Gesetze), den Ablauf (Versicherung, dass wir gesundheitlich in der Lage sind, die Prüfung abzulegen auf, Diktiergerätaufnahme) informiert und anschließend gebeten unsere Beweggründe zu schildern, uns überprüfen zu lassen. Meine Nachbarin begann, die Prüferin und ihre Beisitzerin machten einen sehr interessierten Eindruck, fragten genauer nach und ermunterten zu ausführlichen Schilderungen. Das lockerte die Atmosphäre allgemein.
Dann wurde gefragt, wer von uns beginnen möchte, ich ließ den anderen „Prüfling“ anfangen. Sie konnte wählen zwischen den Therapieverfahren, die von Krankenkassen in Deutschland übernommen wurden, zählte alle drei auf und entschied sich, die Analyse weiter auszuführen. Ich bereitete mich innerlich auf Verhaltenstherapie vor, hatte mir sämtliche Worte zurechtgelegt.
Meine Frage war dann allerdings zu meinem Vorgehen, wie ich mir ein Bild vom Zustand des Klienten/Patienten machen könne. Ich erläuterte Anamnese, den psychopathologischen Befund und wusste nicht recht, was weiter von mir verlangt war. Frau Thoben hakte kurz ein, half mir auf die Sprünge und ich erläuterte bekannte standardisierte Testverfahren. Vorteile und Nachteile/Gefahren bei unerfahrener Auswertung ohne speziellen Hintergrund besprachen wir gemeinsam.
Anschließend wurde ich zum Störungsbild der Depression gefragt, ich nannte die ICD10-relevanten Unterscheidungen/ Graduierungen, wie sie genau vorgenommen würden nach ICD10, führte das somatische Syndrom und psychotische Symptome weiter aus. Frau Thoben schien sehr zufrieden. Nun kamen wir zu den Fallbeispielen. Meine Nachbarin erhielt den Fall eines Benzodiazepin-Entzugs mit akuter Notfallsituation und erläuterte ihr Vorgehen und die Fehler eines nicht fraktionierten/abrupten Entzugs genau. Auch ihr weiteres Vorgehen in einer solchen Gefahrensituation erläuterte sie, Frau Thoben fragte gelegentlich etwas genauer nach. Es lief einwandfrei für meinen Mit-Prüfling.
Dann kam mein Beispiel, ich bekam einen Fall, der sich um das ängstliche und abwertende Verhalten einer Mutter drehte, die ihren 12-jährigen Sohn bei sexuellen Erkundungsspielchen mit einem Freund „erwischte“ und ihn vor der Homosexualität schützen wollte. Der Fall war eindeutig, die Mutter hätte psychologische Hilfe eher nötig, denn solche Spiele, Orientierungsversuche gehören in Entwicklungsphasen manchmal dazu. Ich erläuterte mein Vorgehen, wie ich den Jungen unterstützend
begleiten würde, mich im weiteren Verlauf aber sicher mehr auf die Mutter konzentrieren, ihre Ängste, Vorurteile und Schamgefühle ansprechen würde und den Fall des Jungen selbst als nicht sexuell gestört deklariere, das Verhalten der Mutter für bedenklich einstufe. Das wurde abgenickt und es ging weiter mit Gesetzen. Dazwischen wurde ich aber noch kurz über eine Anpassungsstörung befragt, ob und wie ich die denn behandeln würde.
Meine Nachbarin bekam das Heilpraktikergesetz (was darf man, was nicht) und ich das PsychKG, Vorgehen bei einem akuten psychiatrischen Notfall im Land Berlin. Anschließend (es waren knapp ca. 1,5h vergangen) gratulierte man uns ohne Bedenkzeit und wir konnten unsere Scheine abholen.
Mir persönlich hat es geholfen, die Störungsbilder in der Endphase des Lernens ICD10-getreu zu beackern und Bücher damit kritisch zu vergleichen. Nicht alle orientieren sich danach, bzw. machen Fehler. Alles menschlich und nicht weiter tragisch, aber ich habe es als entlastend empfunden, das Original für meine persönlichen Ausführungen und Lernkarten kritisch mit den bekannten Klassikern der Szene zu vergleichen, manchmal zu kritisch oder zu emotional, wie meine Lerngruppe sicher bejahen würde. Damit würde ich bei einer vergleichbaren Prüfung viel früher beginnen und erst dann Sekundärliteratur heranziehen.
Sehr wichtig war es für mich die Gesetze (Heilpraktikergesetz, Betreuungsgesetz, PsychKG, Heilmittelwerbegesetz, Patientenrechtegesetz, Kostenerstattungsverfahren) anhand von originalen Texten zu lernen. In einigen Büchern gibt es verwaschene Formen, die im Zweifel Fragen offen lassen, ich als unklar empfand. Ich empfehle exakt am Gesetzestext zu lernen, auch wenn sie uns bei unserer Überprüfung nicht eiskalt erwischt haben. Das hat mir Sicherheit gegeben, wurde mir nahegelegt und im Einzelcoaching überprüft.
Auch habe ich mich intensiv mit der Psychotherapeutenkammer und ihrem Wissenschaftlichen Beirat befasst, mir die Anerkennung bzw. Nicht-Anerkennung von einigen psychotherapeutischen Verfahren durchgelesen. Auch die zwei Prüfungscoachings haben mir sehr weitergeholfen, neben einer regelmäßigen Lerngruppe, die sich privat zusammengetan hat. Und meine Monster-Lernplakate aus mit Edding beschriftetem Packpapier, mit m.E. besonders schwer einprägsamen Inhalten, haben mir gut geholfen. Sehen seltsam aus, macht aber nix, denn sie verfehlen ihre Wirkung nicht.
Ich bin dankbar es endlich hinter mir und eine solch angenehme Prüfungssituation erlebt zu haben. Auch die Sachbearbeiterinnen im Gesundheitsamt Tempelhof-Schöneberg waren wirklich aufmerksam und unterstützend. Merci an alle, die mich unterstützt haben! Auch Dank an dieses Forum!
Kirsten


 
Thomas Rehork
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