Prüfung Lichtenberg 14.1.2011

#1 von Thomas Rehork , 29.01.2011 13:24

Hallo künftige Heilpraktiker,

Am 14.1.2011 habe ich meine mündliche Prüfung in Lichtenberg bestanden.
Prüfer waren Herr Dr. Dudel (Neurologe im Ruhestand) und Frau Hesse (Psychologische Psychotherapeutin kurz vor der Zulassung). Als ich hörte, dass ich es mit Herrn Dudel zu tun bekomme, war mir erst mulmig - in den letzten Prüfungsprotokollen klangen die Dudel-Prüfungen recht anstrengend, es war dann aber nicht schlimm.

Wir wurden gefragt, ob wir uns geeinigt haben, wer anfängt. Das haben wir dann in dem Moment geklärt, ich fing an und zog die erste Karteikarte mit der Gesetzesfrage:

"Wenn Sie diese Prüfung bestanden haben, was unterscheidet Sie dann von den folgenden:
Heilpraktiker, „großer“
Heilpraktiker, „kleiner“ (heh?)
Krankengymnast / Physiotherapeut
Diplom-Psychologe
Psychologischer Psychotherapeut
Ärztlicher Psychotherapeut
Psychiater
Welches davon sind Heilberufe? Wer von den genannten darf Psychotherapie ausüben?"

Das traf mich etwas unerwartet, also habe ich erst mal mit dem angefangen, wo ich mir sicher war. (Wer Psychotherapie machen darf = HP groß und klein, beide Psychotherapeuten und meiner Meinung nach die Psychiater.) Was Heilberufe sind, musste ich raten, das habe ich auch zugegeben und mich langsam vorgetastet. Ich wusste aus eig. Erfahrung, dass der Physioth. keine eigene Diagnose und Behandlungsplanung macht, sondern (theoretisch) nur ausführt, was der Arzt verordnet hat, also sagte ich das, dann ist das wohl kein Heilberuf...? Das Wort „Verordnung“ wollte er hören.

Zu den Dipl.-Psych. sagte ich, dass die erst mal nichts dürfen, aber sich als Einzige zu Psych. PTs entwickeln dürfen oder auf Antrag meist den kleinen HP geschenkt bekommen. Das akzeptierte Herr Dudel, dann wollte er noch die von der Kasse bezahlten Verfahren genannt bekommen, und wo meinen den Titel Dipl.-Psych. bekommt - an der Uni. Dann gab er mir den Tipp, dass es auch Heilhilfsberufe gibt und erzählte, dass beim Psychiater erst seit einigen Jahren die Erlaubnis zur Psychotherapie mit drin ist. Es war ganz schön aufregend, weil so vieles dabei war, das ich nicht explizit gelernt hatte, aber Herr Dudel war ganz freundlich, ich habe ihm brav zugehört und bei seinen Erläuterungen genickt. (Nett zum Prüfer sein schadet selten.) Am Ende war ich unsicher - war das jetzt gut genug gewesen?

Mein Mitstreiter hatte eine Frage zu den Aufgabenbereichen eines Betreuers, auch hier war es gut, sich nicht mit Herrn Dudel zu streiten, sondern einfach mit zu gehen. Es kam die Frage, ob es ambulante Zwangsbehandlung gibt.
(Nein.) Ob der Betreute einfach in eine andere Stadt ziehen darf und welche Gründe es geben kann, dass der Betreuer etwas dagegen hat. (Z.B. weil der Betreute immer nur vor seinen Problemen durch Wegzug flieht, aha.)

Dann kam mein Fall, Kärtchen ziehen, fürs Tonband laut vorlesen, 5 Minuten für Notizen, so lange brauchte ich gar nicht. "Eine Frau mittleren Alters kommt in Ihre Praxis, sie war für 3 Monate in der psychiatrischen Klinik, wurde vor kurzem entlassen und erwartet die psychosomatische Weiterbehandlung (Kur).
Jetzt fühlt sie sich aber in einer Krise, hat Angst und weiß nicht, wie sie die Zeit bis zur Kur überstehen soll. Der Einweisungsgrund für die Psychiatrie war:
Suizidversuch unter Alkoholeinfluss. - Erläutern Sie Ihre differential- diagnostischen Überlegungen, ihr Vorgehen und ihre Behandlung."

Ich habe erst mal gesagt, dass ich versuche, mehr Informationen zu bekommen, z.B. was in der Psychiatrie als Diagnose gestellt wurde. Herr Dudel:
"Der Arztbrief ist noch nicht da, das kann Wochen dauern." Hmm, also spekulieren. Da es schon einen Suizidversuch gab, muss ich die aktuelle Suizidalität klären. Herr Dudel fragt, wie denn. Na, durch direktes Ansprechen, und dann hab ich es demonstriert. Überhaupt wurde die Unterhaltung sehr praxisbezogen, vielleicht weil sie wussten, dass ich mit meiner Gestalttherapie- Ausbildung schon ziemlich weit bin. (Mein Mitprüfling hatte noch keine Ausbildung angefangen und hat alles formaler beantwortet und auch prima bestanden. Sie haben jedem von uns seinen Stil gelassen, das fand ich nett.)

Ich sollte dann sagen, welche Faktoren für höhere oder niedrigere Suizidgefahr sprechen würden, da fielen mir viele ein. Frau Hesse wollte dann weiter wissen, was für Diagnosen mir in den Sinn kämen. Ich nannte Alkoholismus mit der Anmerkung, dass Trinker oft dissimulieren, so dass ich geschickt fragen muss.
Vielleicht hätte sie ja Alkoholhalluzinosen und deshalb Angst. Depression könnte sein, oder Angststörung, das haben wir nicht weiter vertieft. Wichtig war, dass man auch Sucht und Depression gleichzeitig haben kann, sog. Doppeldiagnose.

Wie ich mit ihr arbeiten würde, wollten sie dann noch wissen. Dazu einigten wir uns, dass sie nicht akut suizidal erscheint. Also stützen für die Zeit bis zur Kur, Probleme ernst nehmen, viele Termine anbieten, versuchen, sie vorsichtig zu ihr angenehmen Tätigkeiten, Bewegung oder Sozialkontakten zu animieren. Frau Hesse hat immer noch ein bisschen genauer nachgefragt, war mit meinen Antworten aber offenbar zufrieden. Dann half sie noch etwas nach, was ich denn noch anbieten könnte, wo doch das Wort „Krise“ schon gefallen sei... Ach ja, die Nummer vom Krisendienst mitgeben!

Dann kam der andere Prüfling dran. "Eine Frau kommt in die Praxis, es geht um ihren Mann, mittleres Alter, er zieht sich immer mehr zurück, ist immer weniger aktiv. Kann schlecht einschlafen, trinkt zur Unterstützung Rotwein.
Er ist bei der Bundeswehr."

Mein Kollege, wie gesagt etwas formal, zählte ganz allgemein alle möglichen diagnostischen Kriterien auf. (Orientierung, Bewusstsein, Affekt usw.) Er vermutete, dass es sich um PTBS handeln könnte, aus einem Unfall oder einem Einsatz des Mannes. Es gäbe da auch eine ganz spezielle Therapie, aber der Name fiel ihm nicht ein. Da hat Frau Hesse nachgeholfen, ihm „EMDR“ fast in den Mund gelegt, er wusste auch weiter nichts darüber.

Es wurde u.a. noch diskutiert, ob das häufig ist, dass der Ehepartner in die Praxis kommt, und ob und wie man mit einer solchen Fremdanamnese arbeiten kann. Mein Mitstreiter war noch aufgeregter als ich, hatte aber gutes theoretisches Wissen, natürlich auch mit ein paar Aussetzern.

Es scheint mir auf jeden Fall gut zu sein, immer alles zu erzählen, was einem gerade an Wissen so einfällt, auch wenn es für den Fall spekulativ ist oder weiter von der Ursprungsfrage weg führt.

Am Schluss haben sich die Prüfer kurz angeschaut, Herr Dudel schlug vor, dass sie sich gar nicht groß beraten müssen, und gratulierte uns beiden zu einer sehr schönen Prüfung. Er habe zum Schluss sich nur noch zurück gelehnt und voller Freude zugehört. :)

Juchhu, geschafft! Vielen Dank, Herr Rehork, für ihre äußerst anschauliche und praxisorientierte Informationsvermittlung! Der Kurs hat mir großen Spaß gemacht und offenbar ist einiges hängen geblieben.

Viel Erfolg wünsche ich allen künftigen Prüflingen!
René


 
Thomas Rehork
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