Prüfung 10.5.2011 Tempelhof

#1 von Thomas Rehork , 13.05.2011 22:32

Lieber Thomas, liebe Überprüfungskandidaten,
nach fast acht Monaten intensiven Lernens habe ich nun endlich die „Erlaubnis zur berufsmäßgien Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung – beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie“ erhalten.
Ich danke allen, die mir beigestanden haben!
Die Prüfungsatmosphäre in Tempelhof ist so unangespannt, wie eine solche Situation nur sein kann – Herr Dr. Finger ist ein legerer junger Mann (in Polohemd und Turnschuhen), der seine Fälle mit großer Eleganz und Leichtigkeit spontan erfindet und immer wieder abwandelt, erweitert. Das lässt dem Prüfling Raum für Vermutungen, die auch alle vorgetragen und erörtert werden dürfen. Irgendetwas Richtiges kann man dadurch immer dabei haben.
Wir waren zu dritt und hatten uns vorher abgesprochen, in welcher Reihenfolge wir rankommen wollten. Als wir dann Platz nahmen, hatte Herr Dr. Finger gerade diese Reihenfolge sowieso vorgesehen.
Ich wurde zu den Themen Suizid, Unterbringung, Therapiemöglichkeiten, Borderline und Therapie, Alkoholabhägikeit, Therapie und ICD10 Kriterien befragt. Das gestaltete sich in etwas so: Stellen Sie sich vor, Sie finden am Freitag, später Nachmittag, einen Brief unter Ihrer Tür durchgeschoben, in dem etwas von Ende steht. Sie haben die Patientin, sie ist 28 Jahre alt, erst 2x behandelt, und in diesen beiden Stunden ging es um Beziehungsschwierigkeiten. Ich bin erst mal auf des „Ende“ angesprungen, also Suizidgefahr, und wie ich damit umgehen würde. Eint fiktives Telefonat mit der Patientin ergab, dass es ihr schon viel besser ginge, und dass Sie vor Montag nicht kommen wolle. Ob mich das beruhigen würde? Hat mich nicht. (Ein Therapeut hat mir erzählt, dass gewitzte Patienten, die bereits über die Erfahrung der Unterbringung verfügten, ihre Antworten so formulierten, dass diese Möglichkeit sich auf keinen Fall wiederholt). Patientenvertrag am Telefon? Freiwillig in stationäre Behandlung? Vielleicht Angehörige informieren, die Patientin selbst befragen (Pöldinger Suizidfragebogen), um herauszufinden, wie akut die Gefahr ist. Schließlich wurde es endlich Montag, und die Patientin erschien bei mir. Ich griff die Beziehungsschwierigkeiten wieder auf, nachdem auch der Prüfer darauf hinwies, dass diese Suizidversuche immer wieder auftauchten. Borderline war also klar. Um zu verdeutlichen, worum es in der Therapie bei Borderline geht, durfte ich das „Mentalisierungskonzept“ von Fonagy und Target erläutern. Das muss man nicht wissen, hatte mich aber interessiert. Es erklärt auch die Spaltung. Außerdem konnte ich erklären, dass zur Behandlung ein SSRI hinzugezogen werden kann, da das Gesamtniveau des serotonergen Systems herabgemindert sei, was in ursächlichem Zusammenhang mit der Impulskontrolle steht. Außerdem ist die Amygdala verkleinert und übererregbar, Angstemotionen würden besonders gespeichert. Dann habe ich auch die Familientypen erläutert (mit Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung). Zur Borderlinestörung kam nun das selbstgefährdende, risikoreiche Verhalten hinzu: Darunter waren die Abhängigkeitsstörungen. Trinkgewohnheiten erfragen (erhält man eine ehrliche Antwort? >> Verheimlichung, Bagatellisierung usw.). Dann ein Thieme-Merkwort: CAGE = cut down, annoyed, guilty, eye opener, ein bißchen auf die Phasen hingewiesen. Die ICD10 Abhängigkeitskriterien wüsste ich doch sicher auch: Wusste ich. Und danach wusste ich, dass ich bestanden hatte und konnte erst einmal eine Weile nicht zuhören.
Die nächste Kandidatin bekam eine ältere Dame von 68 „serviert“, die ziemlich depressiv verstimmt war, nichts mehr so gut konnte wie früher, auch viel vergaß. Demenz oder Depression – das war hier die Frage. Therapie? Bewegung und Ergotherapie. Wie kann man herauskriegen, dass Demenz im Vordergrund steht? Mini-Mental-State. Einbeziehung von Angehörigen.
Die letzte Kandidatin hatte dann einen jungen Mann um die 20 zu behandeln, der vor allem vor dem Computer hing. Sie wusste sehr schnell die Möglichkeiten von Hebephrenie und Cannabis zu benennen. Dann beschäftigte man sich eine ganze Weile damit, ob der junge Mann zu betreuen sei und auch, wie er zu begutachten sei, da er sich immer wieder einer Begegnung entzöge. Man kann wohl auch das durch die Polizei veranlassen. Genauer habe ich die letzten beiden Fälle leider nicht in Erinnerung.
Wir wurden dann kurz hinausgeschickt und schon nach Kurzem wieder hineingebeten: Wir hatten bestanden! Ein paar kurze Worte über unsere Pläne, dann führte uns Herr Dr. Finger zum Sekretariat gegenüber, wo wir dann den Weg zur Post erklärt bekamen und, nach der Bezahlung dort, die begehrte Urkunde in Empfang nehmen durften.
Liebe Grüße
Bärbel

P:S. 10. Mai 2011, Tempelhof

 
Thomas Rehork
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