Tempelhof-Schöneberg April 2018

#1 von Thomas Rehork , 25.04.2018 23:22

Prüfung Heilpraktiker Psychotherapie, Tempelhof Schöneberg April 2018
Prüfer: Dr. Schilling
Wir waren 2 Prüfungskandidatinnen. Im Gesundheitsamt erfolgt zunächst die Anmeldung mit
Personalausweis im Büro. Hier konnten wir auch Taschen und Jacken ablegen, so dass wir ohne
jeden Ballast waren. Die ganze Atmosphäre ist entgegen dem nüchternen Behördenbau sehr
freundlich und alles ist gut durchorganisiert. Selbst der Pförtner weiß sofort, wo man hin muss.
Wir wurden von Dr. Schilling im Flur abgeholt und freundlich empfangen. Im Prüfungsraum stand
sogar Wasser bereit, alle Unterlagen sowie das Aufnahmegerät waren vorbereitet etc. Herr Dr.
Schilling und der Beisitzer, dessen Namen ich wieder vergessen habe, waren ein gut eingespieltes
harmonisches Team mit sehr ruhiger Ausstrahlung. Es wurde erläutert, was es mit der Aufnahme
auf sich hat und, dass wir beide nacheinander geprüft würden. Reihenfolge konnten wir uns
aussuchen. Für Notizen während des Gesprächs und zum Fallbeispiel lagen Papier und Stift
bereit. Ich machte den Anfang und bekam zum Einstieg einen kurzen Fall geschildert:
-ein 22 Jahre alter Mann in Begleitung seiner Mutter
-er hatte zunächst Abitur gemacht, dann eine Bankkaufmannslehre begonnen und abgebrochen
-anschließend ein Sozialpädagogikstudium begonnen, das er zunehmend vernachlässigt
-er berichte seit Wochen, dass Kommilitonen und Freunde sich über ihn lustig machten
-sie würden sich gegen ihn verschworen haben
-auch wüssten alle, was in seinem Zimmer vorgehe und er fühle sich gelegentlich wie überwacht
-er verließe seither sein Zimmer kaum noch
Nun sollte ich mir überlegen, wie ich das Gespräch führen und was ich in dieser Situation tun
würde.
Ich konnte ganz in Ruhe meine Gedanken entwickeln:
-klären, ob der Patient die Anwesenheit der Mutter wünsche und gleichzeitig darauf hinweisen,
dass ich im Laufe des Gesprächs vielleicht mit dem einen oder anderen durchaus auch alleine
sprechen wolle…
-Dabei kam ich auf die Idee, genau so weiter zu machen und nicht direkt auf eine
Diagnosevermutung zuzusteuern. Ich schilderte also vorneweg, was ich alles im Erstgespräch
unterbringen wollte, einschließlich der Verbindlichkeiten aus dem Patientenrechtegesetz
(Aufklärung, Information, Dokumentation…)
-Erst im Anschluss daran ging ich auf die diagnostischen Überlegungen ein, äußerte meinen
Verdacht, dass eine paranoide Schizophrenie vorliegen könnte, ich dies aber keineswegs als
sicher erachten würde, bevor ich nicht alle Angaben vom Patienten selbst bestätigt bekäme und
ihm weitere Zusatzfragen stellen könne
-hieraus ergab sich dann der Fragenkatalog, der die möglichen Symptome abklären sollte und ich
sollte zusätzlich zu meinen eigenen Ideen und Angaben schildern, welches die
psychopathologischen Merkmale einer paranoiden Schizophrenie sind und welche Zeitkriterien
erfüllt sein müssen. Hier wurden nicht nur Stichworte erbeten sondern auch Beispiele und
Erläuterungen, wie sich die verschiedenen Symptome im Gespräch äußern würden. Außerdem
sollte ich erläutern, ob bei der Schizophrenie immer ein Wahn vorliegen müsse oder ob auch
Formen vorstellbar seien, wo dies nicht der Fall sei… Ich referierte ausschließlich nach ICD 10.
Dies jedoch sehr ausführlich. Also keine historische Darstellung nach Bleuler oder Schneider.
Dafür ging ich auf die verschiedenen Unterformen ausführlich ein.
-Dann brachte ich zurückkommend auf den Fall ein, dass ich den jungen Mann, wenn sich mein
Diagnoseverdacht erhärten würde unbedingt zum Facharzt verweisen würde und allenfalls die
Mutter begleitend bei der Bewältigung der veränderten Situation und den möglichen
Schwierigkeiten in Zusammenhang mit der Erkrankung des Sohnes behandeln könnte. Außerdem
würde ich spätestens jetzt mit dem Sohn alleine sprechen wollen und eine mögliche
Suizidgefährdung klären. Ich verwies als Begründung auf die hohe Suizidrate bei Patienten, die an
Schizophrenie erkranken und wir wendeten uns diesem Thema zu.
-Was könnte den Patienten zum Suizid veranlassen, welche verschiedenen Bilder könnten sich
aus meiner Befragung ergeben. Wir spielten gedanklich die verschiedenen Szenarien durch und
kamen darüber auf das PsychKG zu sprechen. Ich stellte Überlegungen dazu an, wie ich durch
mein Verhalten und meine Gesprächsführung bereits anbahnen könnte, dass der Patient vielleicht
auch bei akuter Gefährdung im Gespräch mit dem SPD eine Selbsteinweisung annehmen könnte,
wie die Mutter einzubeziehen sei… Es war sehr gut, diese Abläufe detailliert zu kennen und sie
flüssig durchspielen zu können. Dazu gehörten auch Stichworte, wie Gefahrenabwehr,
Behandlung mit dem Ziel, die Einwilligungsfähigkeit wiederherzustellen, gegebenenfalls (bei
anhaltender Problematik) auch eine Betreuung anzuregen…
-Zum Themenbereich Suizidalität hat Herr Dr. Schilling mir sehr gut deutlich machen können,
inwiefern gerade bei der Schizophrenie Zusammenhänge entstehen können (z.B. durch imperative
Stimmen geleitet), die dazu führen, dass der Patient einen Suizid in Form einer Fehlleistung
begeht. Also keine wie auch immer motivierte oder bewertete Tat mit dem Ziel der Selbsttötung
sondern ohne ein Bewusstsein dafür, dass die Selbsttötung die logische Konsequenz aus dem
Befolgen der Befehle sein würde. Pöldinger, Ringel und Krisenintervention streiften wir nur noch.
-Die Prüfung nahm nun endgültig den Charakter eines Fachgesprächs an.
Herr Dr. Schilling teilte mir bereits zu diesem Zeitpunkt mit, dass ich bestanden habe und er nun
mit der anderen Kandidatin fortfahren würde.
Er hat sich für den Übergang Zeit genommen und den neuen Fall ganz in Ruhe vorgetragen. Es
handelte sich ebenfalls um eine kurze und bündige Schilderung. Die Situation beschrieb einen
Patienten in einer manischen Phase. Aus der Darstellung ging hervor, dass er ein Jahr zuvor eine
depressive Phase gehabt hatte und insgesamt die bipolare Störung Inhalt des Prüfungsgesprächs
wurde. Alle Fragen wurden aus dem Fall entwickelt und es gab keine unzusammenhängenden
oder verwirrenden Fragen. Wir bekamen beide viel Gelegenheit, den Gesprächsverlauf selbst mit
zu gestalten und zu zeigen, was wir anzubieten hatten. Die Prüfung war nicht nur fair sondern
auch befriedigend und lehrreich. Respekt.
Zum Abschluss (nach bestandener Prüfung) interessierte sich Herr Dr. Schilling noch für das, was
wir erlernt und in Zukunft vor hatten und sprach seine Wertschätzung hierfür aus.
Wir wurden ins Büro zurückbegleitet und bekamen unmittelbar unsere Urkunden ausgehändigt.
Wichtig ist vielleicht noch, anzumerken, dass die Themen, die wir bekamen vorbereitet waren. Sie
wurden nicht gelost oder per Zufall aus einem Buch vorgelesen und dienten als
Ausgangssituation, die im Gespräch weiterentwickelt und variiert wurde. Es gab keinen
Zusammenhang zu den von uns gemachten Fehlern in der schriftlichen Prüfung und auch keinen
Zusammenhang zu den von uns erlernten Therapieformen.
Daniela

 
Thomas Rehork
Beiträge: 320
Registriert am: 29.01.2011


   

Tempelhof, 16.5.2018
Die ersten Prüfungen nach den neuen Richtlinien

Xobor Forum Software © Xobor